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Im Austausch mit dem Jugendwerk Rietberg
Von links nach rechts: Patricia Benneckenstein (Pädagogische Leitung), Benedikt Leubecher (Leitender Psychologe), Detlef Nacke (SPD-Landtagskandidat)und Katja Hanhardt (SPD-Ortsverein Rietberg).
„Wer bei der Jugendhilfe spart, spart an der falschen Stelle“
Was brauchen Kinder und Jugendliche, wenn das eigene Zuhause zeitweise kein sicherer Ort mehr ist, Schule kaum noch gelingt oder eine Krise die Familie überfordert? Über diese Frage habe ich mich als SPD-Landtagskandidat gemeinsam mit Katja Hanhardt vom SPD-Ortsverein Rietberg im Jugendwerk Rietberg informiert. Gesprächspartner waren Patricia Benneckenstein (pädagogische Leitung), und Benedikt Leubecher (leitender Psychologe).
Benneckenstein und Leubecher schilderten eine Jugendhilfe, die immer häufiger mit komplexen Lebenslagen konfrontiert ist. Nach ihren Erfahrungen nimmt auch die Zahl der Kindeswohlgefährdungen zu. Als wiederkehrende Gefährdungslagen nannten sie elterliche Überforderung, Vernachlässigung sowie körperliche und psychische Misshandlungen. Das Jugendwerk betreut Kinder bereits ab einem Alter von fünf Jahren. Beide machten zugleich auf ein grundsätzliches Problem aufmerksam: Kinder und Jugendliche haben in gesellschaftlichen und politischen Debatten oft keine starke Lobby.
Das Jugendwerk Rietberg ist eine Facheinrichtung der Kinder- und Jugendhilfe in Trägerschaft der Jugendhilfe im Erzbistum Paderborn gGmbH. Rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten dort in pädagogischen, therapeutischen, schulischen und ambulanten Hilfen. Zum Angebot gehören unter anderem intensivpädagogisch-therapeutische Wohngruppen, Inobhutnahme, eine Fünftagegruppe, Jugendwohnen, der psychologische Dienst, Schulsozialarbeit und Integrationshilfen.
Dabei geht es nicht nur um die akute Krise. Was kommt danach? Wie gelingt die Rückkehr in die Familie, wie bleibt ein Schulabschluss erreichbar – und wer begleitet junge Menschen auf dem Weg in Ausbildung, Beruf oder die erste eigene Wohnung? Genau diese Übergänge gehören zur Arbeit des Jugendwerks.
Ein Beispiel ist die Schulstation, die seit 2004 gemeinsam mit der Martinschule Rietberg betrieben wird. Derzeit werden dort rund 15 Schülerinnen und Schüler sozial- und sonderpädagogisch begleitet. Das Ziel ist klar: Stabilität schaffen, Bildungsabbrüche vermeiden und individuelle Lernwege ermöglichen.
Auch die Lage der Wohngruppen ist Teil des pädagogischen Konzepts. Sie befinden sich bewusst in Wohngebieten – mitten im gesellschaftlichen Leben. Kinder und Jugendliche sollen nicht abgeschottet werden, sondern Alltag, Nachbarschaft und Teilhabe erfahren.
Patricia Benneckenstein machte zugleich deutlich, dass die hohe Qualität intensivpädagogischer und therapeutischer Arbeit ihren Preis habe. Gute Betreuung brauche qualifizierte Fachkräfte, Zeit, verlässliche Strukturen und eine Finanzierung, die den tatsächlichen Aufwand abbildet. Intensive Hilfe lässt sich nicht beliebig verdichten.
Meine politische Schlussfolgerung aus dem Gespräch lautet: „Wer bei der Kinder- und Jugendhilfe spart, spart an der falschen Stelle. Ob ein junger Mensch wieder Halt findet, einen Schulabschluss schafft oder den Einstieg in Ausbildung und Beruf bewältigt, entscheidet sich oft früh. Das Land muss dafür verlässliche Bedingungen schaffen.“
Aus dem Gespräch ergeben sich für mich Aufgaben für die Landespolitik. Erstens: Fachkräfte gewinnen und halten – mit guten Arbeitsbedingungen und einer Refinanzierung, die die tatsächlichen Anforderungen der Einrichtungen abbildet. Zweitens: Jugendhilfe und Schule verbindlicher verzahnen, damit Probleme früher erkannt und Hilfen schneller organisiert werden können. Wichtig wird in dem Zusammenhang auch, dass Prävention und Übergänge gestärkt werden – von niedrigschwelligen Hilfen bis zur Begleitung junger Menschen auf dem Weg in ein eigenständiges Leben.
Ich bin der Meinung das wir früher hinschauen und handeln müssen.Wenn ein Kind über längere Zeit kaum noch am Unterricht teilnehmen kann, familiäre Probleme wachsen oder psychische Belastungen größer werden, darf das Hilfesystem nicht erst reagieren, wenn gar nichts mehr geht. Ein starker Sozialstaat zeigt sich auch daran, ob Hilfe rechtzeitig ankommt.“
Ein weiterer Punkt waren sogenannte Care Leaver – junge Menschen, die nach stationären Hilfen den Schritt in ein eigenständiges Leben bewältigen müssen. Benedikt Leubecher verwies darauf, dass gerade in dieser Phase verlässliche Unterstützung wichtig sei: bei der Wohnungssuche, in Ausbildung und Beruf, bei Behördenkontakten und beim Aufbau einer selbstständigen Lebensführung, betonte Benedikt Leubecher.
Mit dem 18. Geburtstag ist nicht plötzlich alles geregelt. Wer kein stabiles familiäres Netz im Hintergrund hat, braucht an manchen Stellen länger Unterstützung. Wir sollten jungen Menschen nicht jahrelang Halt geben und sie dann beim Schritt in die Selbstständigkeit alleinlassen.
Katja Hanhardt knüpfte daran an: „Soziale Gerechtigkeit beginnt nicht erst beim Einkommen. Sie beginnt schon bei der Frage, welche Chancen ein Kind bekommt, ob jemand hinsieht und ob Hilfe da ist, wenn sie gebraucht wird.“ Das Jugendwerk zeige sehr konkret, ergänzte Hanhardt, was soziale Teilhabe im Alltag bedeute.
Zum Abschluss besichtigten wir gemeinsam mit Patricia Benneckenstein und Benedikt Leubecher die Werkstatt sowie eine Wohngruppe des Jugendwerks. Dort wurde noch einmal greifbar, was in politischen Debatten schnell abstrakt klingt: Jugendhilfe findet im Alltag statt – beim Lernen, beim gemeinsamen Wohnen, in schwierigen Gesprächen und bei der Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben.
„Kinder können sich ihre Startbedingungen nicht aussuchen. Politik kann aber dafür sorgen, dass daraus nicht ihre Zukunft vorbestimmt wird“, bestätigte ich.